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Pancha Karma - alles andere als Wellness

Immer wieder, wenn ich irgendwo erwähne, dass ich mich mit Ayurveda beschäftige, werde ich mit großen Augen angesehen.

"Aloe Vera? Ist das nicht so eine Pflanze?" 

Manchmal stoße ich aber auch auf Menschen, die den Begriff schon gehört haben. Und ganz selten sogar auf jemanden, der schon mal in einem cosy Wellness-Hotel in Indien war und eine dort angebotene Pancha Karma-Kur gemacht hat. 

Manchmal weiß ich gar nicht, bei wem mehr Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Bei dem, der noch nie etwas von Ayurveda gehört hat, oder bei dem der schon mal eine Kur hatte. Egal, ich schreibe den Artikel für euch beide…und für alle anderen, die gern mehr darüber wissen möchten, was eigentlich Pancha Karma ist.

 

Pancha Karma aus Sicht des Westens

 

Wenn bei uns über Ayurveda und Pancha Karma-Behandlungen gesprochen wird, denken wir sofort an Wellness. Wir sehen Bilder von schönen Menschen, die von anderen schönen Menschen mit viel Öl massiert werden oder einen Stirnguss bekommen. Ein entspanntes Lächeln zeigt uns, dass sich die Massierten ganz wunderbar fühlen. 

Es wird geworben mit Slogans wie „Beruhigt den Geist und entgiftet den Körper.“ , „Pancha Karma erhöht die Lebensqualität.“ oder „Die ayurvedische Verjüngungskur“.

Schaut man sich Seiten von Hotels in Indien oder Sri Lanka an, sitzen die glücklich entgifteten Menschen abends bei einem Glas Wein und schauen sich den Sonnenuntergang am Strand an. 

So stellt man sich einen Traumurlaub doch vor, oder?

 

Pancha Karma aus ayurvedischer Sicht

 

Das Wort Pancha bedeutet „fünf“ und Karma steht für „Handlungen“. Es handelt sich um eine ayurvedische Therapie mit dem primären Ziel den Körper von angesammelten Abbauprodukten (Ama), überschüssigem Dosha und Toxinen zu reinigen und die Körpergewebe (Dhatus) zu nähren. 

Pancha Karma ist nicht für jeden indiziert, es kommt ganz auf das aktuelle Ungleichgewicht an. Pancha Karma ist eine medizinische Behandlung und kein Wellness. 

Die eigentlichen 5 Handlungen, oder besser Behandlungen, haben tatsächlich wenig mit den hübschen Fotos im Internet zu tun. Würde man davon Fotos machen, würden wir es uns wahrscheinlich zweimal überlegen, ob wir dafür den weiten Weg nach Indien auf uns nehmen wollen. 

Bei den Massagen und Güssen auf den Fotos handelt es sich tatsächlich nicht um die eigentlichen Behandlungen, sondern nur um vorbereitende Behandlungen. 

 

Purva Karma

 

Bevor Ama bzw. übermäßiges Dosha aus dem Körper ausgeleitet werden kann, muss es zuerst aus den tieferen Geweben gelöst und in den Magen-Darm-Trakt transportiert werden. Die Doshas verlieren dadurch ihren Halt im betroffenen Gewebe und werden an ihre angestammten Plätze im Verdauungstrakt zurück transportiert. Die hierzu eingesetzten Behandlungen werden Purva Karma genannt. 

Man unterschiedet:

Dipana

Mit Dipana wird dein Agni (Verdauungsfeuer) angefacht. Es handelt sich um das Einnehmen spezieller ayurvedischer Kräuter. 

Pacana

Pacana unterstützt Verbrennen und Verdauen von angesammeltem Ama. Es handelt sich hierbei um innere Anwendungen mit denen Ama im Gastrointestinaltrakt und auf Zellebene gelöst werden soll. Man erhält hierbei je nach zu behandelndem Ungleichgewicht mediziniertes Ghee. 

Snehana

Mit Snehana bezeichnet man im Ayurveda Ölanwendungen. Es kann sich hierbei um innere oder äußere Anwendungen handeln. Bei den inneren Anwendungen wird Öl oder Ghee getrunken oder es wird in Körperöffnungen (Rektum, Vagina, Ohren, Nase, Mund) eingebracht. Zu äußerem Snehana gehören Abhyanga, Sarvangadhara (konstantes Fließen von medizinischem Öl über den ganzen Körper), Pizhichil (warmes medizinisches Öl wird mit einem Tuch oder Schwamm über den ganzen Körper ausgedrückt), Shirodhara (Stirnguss mit Öl), Shiro Basti (Öl wird über einen am Kopf befestigten Zylinder auf die Kopfhaut aufgebracht), Netra Basti (Augenbad mit Öl), Kati Basti (lokales Tränken des Lendenwirbelbereichs mit Öl), Nahbi Prakshepa (Ölguss über den Bauchnabel) und Snehika Uddhulanam (Einreiben einer Kräuterpaste mit Öl in die Haut).

Svedhana

Bei Svedana handelt es sich um den Einsatz einer direkten oder indirekten Wärmequelle. Bei direktem Svedana werden zum Beispiel Dampfbäder, Wannenbäder, warme Räume, heiße Steine oder Strahlungshitze wie bei der Sonne oder einem Feuer angewandt. Indirektes Svedana erreicht man beispielsweise durch Sport, Hungern/Fasten, Furcht oder Ärger verursachen oder Umschläge mit wärmenden Substanzen (z.B. Ingwer, Senf).

 

Dies ist nur eine kleine Liste der Purva Karma-Behandlungen. Je nach Literatur finden sich noch Trockenkräuter-Behandlungen, Klangtherapie, Farbtherapie, Aromatherapie und noch vieles mehr.

Erst wenn diese vorbereitenden Behandlungen abgeschlossen sind, kann mit dem eigentlichen Pancha Karma angefangen werden. Wie lange behandelt werden muss ist bei jedem Patienten ganz individuell. 

 

Pancha Karma

 

Nachdem mit den Purva Karma-Behandlungen Ama oder angestautes Dosha in den Verdauungstrakt transportiert wurde, schließt sich Pancha Karma an. Erst jetzt geht es darum, das Gelöste auszuscheiden. Nicht jeder Patient erhält alle Behandlungen des Pancha Karma. Es kommt ganz darauf an, wo sich das Unverdaute befindet. Der Ayurveda geht davon aus, dass der Körper seine eigene Intelligenz besitzt. Pancha Karma fördert diese Zellintelligenz und hilft dem Körper wieder in seine ursprüngliche Balance zu kommen. Es gibt keine feste Zeitvorgabe, wie oft die Behandlungen durchgeführt werden. Das richtet sich ganz nach dem Effekt und wird vom Ayurveda-Arzt jeden Tag neu beurteilt. 

Vamana

Hierbei handelt es sich um therapeutisches Erbrechen. Ja, du hörst richtig! Dem Patienten wird ein Sud aus Kräutern verabreicht, von dem ihm übel wird. Reicht das noch nicht aus um sich zu übergeben, muss manuell nachgeholfen werden. Der Magen ist der Sitz von Kapha Dosha, somit wird mit Vamana überschüssiges Kapha Dosha aus dem Magen eliminiert.

Virechana

Virechana umfasst abführende Maßnahmen. Den Patienten wir ein pflanzliches Abführmittel verabreicht, um überschüssiges Pitta Dosha über den Stuhlgang auszuscheiden. Pitta Dosha befindet sich hauptsächlich im Dünndarm.

Vasti

Hierbei handelt es sich um medizinische Kräutereinläufe. Mit Vasti (manchmal auch Basti genannt) wird Vata Dosha eliminiert, dass seinen Hauptsitz im Dickdarm hat. Es handelt sich um Einläufe mit Kräutertees, Öl, medizinischem Ghee, Milch oder Kräuterabkochungen. Meist sind mehrere Einläufe an aufeinanderfolgenden Tagen notwendig. 

Rakta Moksha

Rakta Moksha ist ein Aderlass. Er wird angewandt, wenn sich ein Dosha lange im hämatopoetischen (blutbildenden) System festgesetzt hat. Alternativ zum klassischen Aderlass werden auch Blutegel verwendet oder eine innerliche Therapie mit blutreinigenden Kräutern. 

Nasya

Hierbei werden Kräuter oder medizinische Öle in der Nase angewandt. Alles Dosha, das nach den vorherigen Behandlungen noch im Körper verblieben ist, kann mit Nasya behandelt werden. Nasya wirkt ausgleichend auf Prana. 

 

Pashchat Karma

Hierbei handelt es sich um eine Nachbehandlung, die bewirken, dass die Reinigung lange anhält. Es handelt sich um Ernährungstherapie (Ahara), Lebensführungstherapie (Vihara), Verjüngungstherapie (Rasayana) und Dhumana (das Rauchen von Kräutermischungen). 

 

Worauf solltest du achten bei der Suche nach einem guten Hotel?

 

  • Dir sollten keine Anweisungen für ein Verhalten und eine Ernährung gegeben werden, die du schon vor der Kur durchführen solltest um dich vorzubereiten. Die Behandler kennen dich nicht, haben dich nicht untersucht und können so auch nicht sagen, was gut für deine aktuelle Konstitution ist. Auch aus online ausgefüllten Fragebögen kann man die Konstitution nicht anständig bestimmen. Die einzig sinnvolle Empfehlung ist vorher schonmal Kaffee wegzulassen, da es während der Kur keinen Kaffee gibt und der Entzug üble Kopfschmerzen macht. Die brauchst du nicht auch noch während der Behandlung. 
  • Dir sollte auf keinen Fall eine Pancha Karma-Behandlung garantiert werden, da es ja manchmal gar nicht möglich ist deinen Körper ausreichend vorzubereiten in der Zeit, in der du da bist. Auch braucht nicht jede Diagnose Pancha Karma. Trotzdem bekommt man sie in vielen Hotels, weil der Gast es so erwartet. 
  • Wenn du ein Hotel anfragst, solltest du vorab nach deinen Krankheiten gefragt werden. Bei Herzerkrankungen sind einige Pancha Karma-Behandlungen zum Beispiel kontraindiziert. Dass muss der Ayurveda-Arzt wissen um dich richtig beraten und einen sinnvollen Therapieplan aufstellen zu können. 
  • Dir sollte nicht versprochen werden, dass man innerhalb von 2 Wochen (oder einem anderen festgelegten Zeitraum) eine vollständige Pancha Karma-Behandlung abschließen wird. Man kann nie vorhersehen, wie lange die vorbereitenden Behandlungen dauern werden, zumal dich dein Arzt ja erst vor Ort kennen lernt.
  • Überleg dir, ob du für deine Behandlung wirklich nach Indien oder Sri Lanka fliegen möchtest, oder ob eine Behandlung in Deutschland nicht eine gute Alternative ist. Pancha Karma sollte man lieber im eigenen Klima machen. Nicht nur, dass die Reise nach Indien oder Sri Lanka anstrengend ist (Jetlag und so), auch das Klima vor Ort ist für viele von uns eine besondere Herausforderung. Dann kommt noch dazu, dass man nach der körperlich wirklich anstrengenden Kur wieder stundenlang im Flieger sitzt, nochmal schlimm Jetlag hat und am besten am nächsten Tag wieder arbeiten muss. Das treibt dein Vata unnötig in die Höhe und macht viele Effekte der Therapie sofort wieder zunichte. 

So, jetzt hast du all mein Wissen über Pancha Karma. Ich hoffe, es hat dir ein wenig weiter geholfen.

Hast du noch Fragen? Dann meld dich doch gern bei mir.  

 

Namaste,

 

Nadine